Voneinander lernen in der Zivilgesellschaft

Warum tun wir uns so schwer damit, erfolgreiche soziale Projekte zu transferieren und Wissen zu teilen? Mit dieser Frage beschäftigt sich die aktuelle Blogparade „Voneinander lernen in der Zivilgesellschaft“, die von openTransfer.de initiiert wurde.

Dagmar Hirche von „Wege aus der Einsamkeit“,  Hendrik Flor von „Stiftung Bürgermut“/“opentransfer.de“ und Stefan Zollondz von „Zollondz Kommunikation“ geben darauf in ihren ersten Beiträgen schon viele kluge Antworten und sehen die Begründung u.a. in institutionellen Beschränkungen, persönlichen Ängsten, Unkenntnis und verengten Sichtweisen. Die Entwicklung einer Kultur der Fairness und Kooperation, überregionale Vernetzung, die Mischung von On- und Offline-Treffen sowie die Bereitstellung von Erfahrungswissen werden u.a. als mögliche Antworten genannt.

Wir können aus unserer Sicht nicht mit Patentrezepten aufwarten, sondern vielleicht zwei grundlegende Überlegungen ergänzen:

Projekttransfer: Geduldiger Lernprozess mit Zeit und Reflexion
Wie der Titel der Blogparade ja schon sagt, geht es um Lernprozesse. Nach unserer Erfahrung ist das Lernen – sowohl auf individueller Ebene als auch in Organisationen – ein hoch voraussetzungsreicher Prozess. Behavioristische, kognitivistische, situative und viele andere Lerntheorien bieten eine Vielzahl von Erklärungen und Handlungsoptionen. Gerald Huether etwa – ohne den derzeit kaum ein Beitrag über Lernen auskommt – betont die Bedeutung von Emotion, Begeisterung und Bedeutsamkeit für Lernprozesse, die aus seiner Sicht neurobiologisch erklärbar sind. Wir wiederum haben in den letzten acht Jahren unserer Beratung  „gelernt“, dass gerade organisationale Lernprozesse Zeit, Reflexion und überhaupt eine Offenheit für diese Prozesse des Lernens brauchen. Hinzu kommen der notwendige Aufbau von Vertrauen in Fremde und das Erbringen von anschlussfähiger Kommunikation – beides wiederum hochkomplexe Voraussetzungen.

Vielleicht hilft es uns also bei der Förderung von Projekttransfers zunächst einmal, einerseits Organisationen als lernende Organismen und andererseits Projekttransfers – also die Bereitstellung und Übernahme von Projektideen sowie Kooperationen – als Lernprozesse zu begreifen. Dies öffnet den Blick auf die kreative – und situativ angemessene – Gestaltung von Entwicklungs- und Lernprozessen in dem Bewusstsein, dass dafür Zeit und Geduld notwendig ist.

„Der (…) Formbarkeit von Organisationen sind enge Grenzen gesetzt.“
Zweitens spricht aus unserer Beratungserfahrung vieles dafür, unsere Erwartungshaltungen als gutmeinender „Speckgürtel“ (also wir fördernde, beratende und unterstützende Organisationen für den sozialen Sektor) niedrig zu halten. Soziale Projekte können aus systemtheoretischer Sicht als komplexe Systeme verstanden werden, die mit einer Vielzahl von internen und externen Anforderungen konfrontiert werden. Gleichzeitig bilden diese Systeme „Ihre“ Wirklichkeit durch permanente eigene Kommunikations- und Interpretationsleistungen und Kopplungsprozessen heraus. Sie folgen darin eigenen, systemimmanenten Dynamiken und sind ständig „in Bewegung“, um diese Komplexität zu bewältigen. Unser Versuch, den sozialen Initiativen Offenheit nach außen, die Übernahme fremder – wenn auch ähnlicher – Ideen sowie Kooperationen mit Externen nahezulegen, bedeutet aus deren Sicht gleichzeitig eine Erhöhung der zu bewältigenden Komplexität. Wie diese Impulse verarbeitet werden, ist aufgrund der Vielzahl von Kopplungsprozesses innerhalb der Organisation zudem kaum vorhersehbar. Vielleicht müssen wir uns daher bei allem guten Willen mit einer Erkenntnis anfreunden:

„Der Gestaltbarkeit im Management und der Formbarkeit von Organisationen sind enge Grenzen gesetzt.“

Dieser Satz aus einem Lehrbuch zum St. Galler Management-Modell drückt ein systemisch-konstruktivistisches Verständnis von Organisationen aus, das wir teilen. Er kann uns vielleicht dabei helfen, unsere – übrigens höchst normative – Erwartungshaltung richtig zu justieren. Daraus folgt wiederum ein prozessorientiertes, geduldiges Verständnis von Lernen und Veränderung, das die Organisationen und die Menschen in ihnen in den Mittelpunkt stellt. Die von den anderen Autoren vorgeschlagenen sinnvollen Maßnahmen wie Erfahrungswissen, Treffen, Vernetzung und Kulturentwicklung lassen sich darin integrieren.

Und nun?
Ein erster Schritt zu Vertrauen liegt in persönlicher Begegnung. Das zweite openTransfer Camp, das am 7. Juni 2013 in Köln stattfindet, bietet dazu Gelegenheit. Wir haben das erste openTransfer Camp letztes Jahr in Berlin in sehr guter Erinnerung und können die Teilnahme nur empfehlen.

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Wer sich vorab Erfahrungswissen aneignen oder zu dessen Sammlung beitragen will, sei auf die soeben erschienene hilfreiche Publikation „Skalierung sozialer Wirkung“ der Bertelsmann Stiftung oder das spannende, gerade kollaborativ entstehende e-Book von opentransfer.de hingewiesen.

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